Die Brutalität des Krieges

Eine Sache über die wir viel nachgedacht haben ist, wie wir mit der Brutalität des Krieges umgehen sollen. Ist es notwendig, die Verletzungen und den Tot, denen unsere Zeitzeugen und Augenzeuginnen begegnet sind, als solches in jeder Konsequenz und in jedem Detail zu zeigen?

Wir haben für uns entschieden, dass wir das nicht tun wollen. Aus vielerlei Gründen:

  • Niemand soll Großväterland aus Abscheu vor dargestellter Brutalität zur Seite legen. Denn dann hätten wir nichts gewonnen.
  • Wir möchten im Falle einer großflächigen Veröffentlichung über einen Verlag nicht riskieren in irgendeiner dunklen Ecke der Comic-Shops gehandelt zu werden.
  • Mit so einem Ansatz würden wir uns alle Türen zuschlagen, dass Großväterland jemals innerhalb des Schulunterrichts eingesetzt wird.
  • Großväterland soll Geschichten erzählen und kein Splatter-Comic sein.

Als Fan der Arbeiten von Jaques Tardi zum 1. Weltkrieg war vor allem ich als Illustrator versucht ihm zu folgen. Tardi nimmt da kein Blatt vor den Mund. Siehe dazu auch einen Artikel auf nybooks.com.

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aus Tardi, Der Elende Krieg

 

Doch Tardis Stil und seine abstrahierende Darstellung als solches fügt auch eine interessante Ebene zwischen das Geschehen und den Leser und die Leserin. Das nimmt genug Schrecken, ohne ihn auszublenden. Mein Stil hingegen ist deutlich und klarer. Das würde zu direkt werden.

Hier zwei Beispiele dazu. Vor einigen Wochen haben wir die erste Seite der Storyline Rolf veröffentlicht. Die ersten Seiten von Rolf habe ich gezeichnet, bevor wir den oben beschriebenen Beschluss gefasst hatten. Im ersten Panel dieser ergreifenden Geschichten sehen wir einen abgeschossenen britischen Piloten.

Hier die Urfassung wie wir sie veröffentlicht haben:

Rolf-1

Im Prinzip war es dieses Bild und ein Impuls von außen, der uns noch einmal konkret über diesen Aspekt der Brutalität hat nachdenken lassen. Schon nach kurzer Zeit waren wir uns sicher, dass unsere Geschichten etwas anderes vermitteln sollen, als diese visuelle Grausamkeit. Sie sollen von den Irrungen und Umständen berichten, durch die unsere Protagonisten und Zeitzeuginnen gegangen sind. Denn auch das ist Tatsache: In keinem einzigen Gespräch hat irgendjemand von Verstümmelungen und Verletzungen berichtet. Mehr von Leid, Trauer und Verzweiflung. Immer ging es darum, was damals gefühlt und gedacht wurde. Wie man in Schwierigkeiten hineingeriet und wieder herauskam.

Alleine durch das Aufzeigen der totalen Absurdität und Surrealität der Vorkommnisse distanziert sich Großväterland schon so sehr von jeder Verherrlichung des Kriegs, dass es keine visuellen Verstärker braucht.

Also haben wir das erste Panel von Rolf noch einmal überarbeitet. Denn gepaart mit dem drauf folgenden Panel der Jungs auf der Avro Lancaster ist alles erzählt, was wir an dieser Stelle erzählen wollen. Mehr braucht es nicht.

Rolf-2

Ein weiteres Beispiel sehen wir an Hand der folgenden Skizzen, ebenfalls für Rolf. Im ersten wird eine Flak von einem amerikanischen Sherman-Panzer getroffen und die beiden Soldaten zerfetzt – aus dem aufplatzenden Schädel des Soldaten hinter der Flak sieht man sogar ein Auge fliegen.

In der zweiten Zeichnung gerät ein Feldwebel sozusagen in „Friendly Fire“ und inmitten in eine Explosion. Das hat er zwar überlebt, aber ihm wurde dabei nach Erzählung von Rolf ein Bein abgerissen.

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Rolf-Feldwebel-Flak-Sprengung

Die erste Zeichnung wird nicht in der Story erscheinen, die zweite schon. Denn im Kontext des Flusses unserer Geschichte und der Panels ist das so gezeigte nicht nur ausreichend, sondern passt perfekt. Wir können hier natürlich nicht zuviel verraten, weil wir sonst mehr zeigen müssten. Aber ein Zerfetzen des Feldwebels würde den Lesefluss in den Abgrund reißen. Und soviel sei verraten: Das würde nicht Rolfs Erzählung und seiner reflektierten Wahrnehmung der damaligen Ereignisse passen. Sein Kommentar auf diesen Moment sagt soviel aus, jede visuelle Übertreibung würde das abschwächen.

Soviel zu diesem Thema. Wenn es weitere Fragen dazu gibt, schreibt einfach an info@grossvaterland.de. In der kommenden Woche erzählt Euch Christian Hardinghaus von seinem Besuch bei einem Veteranen der Landung der alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944.

Habt eine friedliche Woche! Passt auf Euch auf.

Markus Freise

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für die nachvollziehbare Erklärung und Erläuterung.
    Ein kleiner Hinweis: In dem Lancaster-Panel äußert einer der Jungen „Du Schlumpfschütze“. Das dürfte falsch sein. Der Begriff Schlumpf hat sich erst später etabliert, vermutlich müsste das „Schlumpschütze“ heißen, was mir aus meiner Jugend vage vertraut ist.
    „Schlump“ ist nordfriesisch und bedeutet etwa: „Glücklicher Zufall“.

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