„Wenn Du ihm den Finger abschneidest, erschieße ich Dich!“

English language version here …

Mein Treffen mit Paul

Ich stehe am Bahnhof Königswinter und bin ziemlich aufgeregt. Gleich werde ich den letzten deutschen Zeitzeugen treffen, der die Landung der Alliierten am Omaha Beach live erlebte. Im letzten Jahr, bei den Feierlichkeiten zum 70-jährigen Gedenken an den D-Day hat sich die internationale Presse wochenlang bemüht, einen deutschen Zeitzeugen zu finden. Gefunden und eingeladen haben sie nur: Paul (Jahrgang 1925). Ich habe mir zuvor TV-Bilder von der Erinnerungsfeier im Netz angeschaut:

Bild1Paul sitzt in einer Reihe von einem Dutzend alter Männer aus aller Welt, die am 6. Juni 1944 an den Stränden der Normandie gelandet sind. MG-Schütze Paul ist der Einzige unter ihnen, der damals versucht hat, sie davon abzuhalten. Einst Feinde, liegen sich an diesem Tag alle in den Armen und tauschen Erinnerungen an diesen einen Tag aus, an dem über 12.000 Soldaten ihr Leben verloren.

Paul steht stramm neben den anderen Veteranen. Nacheinander laufen sie an ihm vorbei, die großen Staat- und Regierungsschefs: Barrack Obama, Francoise Hollande, Angela Merkel schütteln ihm die Hand. Putin nickt ihm wohlwollend zu. Paul nimmt es gelassen, tauscht mit jedem ein paar freundliche Worte aus. Nur bei der Queen ist er etwas nervös: „Bonjour Madame“, sagt er.

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Wie werde ich ihn gleich begrüßen? Wie werde ich ihm die Hand geben?

Fatih ist mein Taxifahrer. Er erzählt mir vom Krieg im Iran und seiner Flucht, ich ihm vom Zweiten Weltkrieg. Als er mich bei Paul absetzt, sind wir uns beide darüber einig, wie scheiße Krieg ist.

Es ist still, als ich aussteige. Es ist schön. Ich höre leises Vogelgezwitscher und blicke auf Apfelbäume. Paul hat das Taxi gehört. Er freut sich, erzählt mir, dass Andrew auch gleich kommt. Mit Andrew meint er Andrew Denison, ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Publizist, den ich bereits von Maybrit Illner und Anne Will kenne. Andrew hatte Paul im letzten Jahr in die Normandie begleitet und die Reise organisiert. Die beiden verbindet eine tiefe Freundschaft.

Andrew steigt aus dem Auto. Beide bieten mir gleich das Du an und erzählen schon von der Normandie. Pauls Freundin unterbricht, besteht darauf, dass wir erstmal Pflaumenkuchen essen. Er schmeckt. Ich unterhalte mich mit Andrew über die Flüchtlingskrise und die amerikanische Position. Das habe ich heute nicht erwartet.

Danach ziehe ich mich mit Paul zurück. Wir reden über drei Stunden. Ich tauche tief ein in die grünen Wiesen der Normandie. Die Alliierten sind gelandet. Paul zieht mit seinen Kameraden Richtung Sainte-Mère-Église. Sie wollen die Amerikaner stoppen.

Normandie, Frankreich, 1944

Bild2Paul hatte bereits Glück. Bei den heftigen Bombardements der amerikanischen und britischen Bomber wurde sein MG-Nest in der Nacht nicht getroffen. Die nebenan sind explodiert.

Die jungen Soldaten marschieren hinter einem von einem Muli gezogennen Karren hinterher.Voll beladen mit Munitionskisten. Die Jungs haben Hunger und Durst. Der Nachschub ist nicht mehr gekommen. Zu viele Verluste, die Straßen und Wege hinter ihnen ausgebombt.

Paul erzählt mir von dem Moment, als er „seinen ersten Schwarzen“ gesehen hat. Auf der Suche nach etwas zu essen, entdeckt er den amerikanischen Soldaten auf einem Feld. Er hat eine weiße Socke über sein Gewehr gezogen und wedelt damit. Paul entsichert sein Gewehr, zielt auf den Amerikaner. Der beginnt zu zittern und zu bibbern. Paul kann kein englisch. „Mensch ich tu dir doch nichts“, sagt er und versucht, den Amerikaner zu beruhigen. „Good Water“, sagt dieser und bietet Paul etwas zu trinken aus seiner Wasserflasche an. Paul entwaffnet ihn und lässt ihn gehen.

Wenig später sieht Paul seine erste Leiche. Es ist ein weißer amerikanischer Soldat. Sein Kamerad Schneider beginnt zu plündern. Nachdem er das Lederportemonaie des Toten eingesteckt hat, will er ihm den Finger abschneiden, um an den Siegelring zu kommen. Wieder entsichert Paul sein Gewehr, zielt auf seinen Kameraden: „Wenn Du das machst, erschieße ich Dich.“ Pauls Vater, der im Ersten Weltkrieg kämpfte, hat ihm früh eingetrichtert, Respekt vor dem entwaffneten und gefallenen Feind zu haben.

Schneider bekommt Angst. Wie sich später herausstellen wird, hat Paul ihm mit dieser Aktion wahrscheinlich das Leben gerettet. Die Amerikaner rücken näher. Paul sieht die mächtigen Sherman Tanks. Angst hat er nicht. Die Jungs bauen ihr MG auf und schießen bis ein feindlicher Panzer aufs Feld rollt. Schneider zieht seine Pistole…

Deutsche Kriegsgefangene am Strand der Normandie

Deutsche Kriegsgefangene am Strand der Normandie

Wie es weitergeht und wie Paul jenen umkämpften Strand erlebte, den wir aus „Der Soldat James Ryan“ kennen, lest ihr in der kommenden Episode „Paul“ in Grossväterland.

Christian Hardinghaus

Vielen Dank Andrew Denison für das zur Verfügung stellen der Fotos: © Transatlantic Network

Omaha Beach heute

Omaha Beach heute

Die Brutalität des Krieges

Eine Sache über die wir viel nachgedacht haben ist, wie wir mit der Brutalität des Krieges umgehen sollen. Ist es notwendig, die Verletzungen und den Tot, denen unsere Zeitzeugen und Augenzeuginnen begegnet sind, als solches in jeder Konsequenz und in jedem Detail zu zeigen?

Wir haben für uns entschieden, dass wir das nicht tun wollen. Aus vielerlei Gründen:

  • Niemand soll Großväterland aus Abscheu vor dargestellter Brutalität zur Seite legen. Denn dann hätten wir nichts gewonnen.
  • Wir möchten im Falle einer großflächigen Veröffentlichung über einen Verlag nicht riskieren in irgendeiner dunklen Ecke der Comic-Shops gehandelt zu werden.
  • Mit so einem Ansatz würden wir uns alle Türen zuschlagen, dass Großväterland jemals innerhalb des Schulunterrichts eingesetzt wird.
  • Großväterland soll Geschichten erzählen und kein Splatter-Comic sein.

Als Fan der Arbeiten von Jaques Tardi zum 1. Weltkrieg war vor allem ich als Illustrator versucht ihm zu folgen. Tardi nimmt da kein Blatt vor den Mund. Siehe dazu auch einen Artikel auf nybooks.com.

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aus Tardi, Der Elende Krieg

 

Doch Tardis Stil und seine abstrahierende Darstellung als solches fügt auch eine interessante Ebene zwischen das Geschehen und den Leser und die Leserin. Das nimmt genug Schrecken, ohne ihn auszublenden. Mein Stil hingegen ist deutlich und klarer. Das würde zu direkt werden.

Hier zwei Beispiele dazu. Vor einigen Wochen haben wir die erste Seite der Storyline Rolf veröffentlicht. Die ersten Seiten von Rolf habe ich gezeichnet, bevor wir den oben beschriebenen Beschluss gefasst hatten. Im ersten Panel dieser ergreifenden Geschichten sehen wir einen abgeschossenen britischen Piloten.

Hier die Urfassung wie wir sie veröffentlicht haben:

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Im Prinzip war es dieses Bild und ein Impuls von außen, der uns noch einmal konkret über diesen Aspekt der Brutalität hat nachdenken lassen. Schon nach kurzer Zeit waren wir uns sicher, dass unsere Geschichten etwas anderes vermitteln sollen, als diese visuelle Grausamkeit. Sie sollen von den Irrungen und Umständen berichten, durch die unsere Protagonisten und Zeitzeuginnen gegangen sind. Denn auch das ist Tatsache: In keinem einzigen Gespräch hat irgendjemand von Verstümmelungen und Verletzungen berichtet. Mehr von Leid, Trauer und Verzweiflung. Immer ging es darum, was damals gefühlt und gedacht wurde. Wie man in Schwierigkeiten hineingeriet und wieder herauskam.

Alleine durch das Aufzeigen der totalen Absurdität und Surrealität der Vorkommnisse distanziert sich Großväterland schon so sehr von jeder Verherrlichung des Kriegs, dass es keine visuellen Verstärker braucht.

Also haben wir das erste Panel von Rolf noch einmal überarbeitet. Denn gepaart mit dem drauf folgenden Panel der Jungs auf der Avro Lancaster ist alles erzählt, was wir an dieser Stelle erzählen wollen. Mehr braucht es nicht.

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Ein weiteres Beispiel sehen wir an Hand der folgenden Skizzen, ebenfalls für Rolf. Im ersten wird eine Flak von einem amerikanischen Sherman-Panzer getroffen und die beiden Soldaten zerfetzt – aus dem aufplatzenden Schädel des Soldaten hinter der Flak sieht man sogar ein Auge fliegen.

In der zweiten Zeichnung gerät ein Feldwebel sozusagen in „Friendly Fire“ und inmitten in eine Explosion. Das hat er zwar überlebt, aber ihm wurde dabei nach Erzählung von Rolf ein Bein abgerissen.

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Die erste Zeichnung wird nicht in der Story erscheinen, die zweite schon. Denn im Kontext des Flusses unserer Geschichte und der Panels ist das so gezeigte nicht nur ausreichend, sondern passt perfekt. Wir können hier natürlich nicht zuviel verraten, weil wir sonst mehr zeigen müssten. Aber ein Zerfetzen des Feldwebels würde den Lesefluss in den Abgrund reißen. Und soviel sei verraten: Das würde nicht Rolfs Erzählung und seiner reflektierten Wahrnehmung der damaligen Ereignisse passen. Sein Kommentar auf diesen Moment sagt soviel aus, jede visuelle Übertreibung würde das abschwächen.

Soviel zu diesem Thema. Wenn es weitere Fragen dazu gibt, schreibt einfach an info@grossvaterland.de. In der kommenden Woche erzählt Euch Christian Hardinghaus von seinem Besuch bei einem Veteranen der Landung der alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944.

Habt eine friedliche Woche! Passt auf Euch auf.

Markus Freise

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Gisela

60deEigentlich war nach Otto keine weitere Arbeit vor Ende des Crowdfundings am 28.12. geplant, da Markus ja parallel nicht nur seinen Daytime-Job hat, sondern auch noch sein laufendes Projekt ONE. zuende bringen muss, damit er im März mit den Geschichten für die Graphic Novel anfangen kann.

Dann fragte jedoch der NDR an, ob auch er einen Beitrag über Großväterland machen könnte. Das hat uns natürlich sehr gefreut und wir haben sofort überlegt, wen wir von unseren weiteren, bisher interviewten Zeitzeugen für eine exklusive Episode vorstellen könnten. Wir waren uns schnell einig darüber, dass wir nach drei porträtierten Männern nun auch mal den Fokus auf eine weibliche Protagonistin richten möchten. Wir haben uns für Gisela entschieden. Ihre Geschichte zeigt einmal mehr, dass der Zweite Weltkrieg nicht in einer historischen Blase, sondern im Alltag der damaligen Menschen wütete. Gisela hat ein so bedeutendes historisches Ereignis miterlebt, dass wir diesen Moment in einem One-Pager darstellen möchten.

Kommende Woche werden wir diesen hier veröffentlichen.

Aber eine ganz kleine Vorschau auf Gisela möchten wir Euch mit dem folgenden Pencil heute schon geben …

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Hintergruende

Jetzt mit umfangreichem Hintergrundmaterial

Wir hatten es bereits erwähnt: Durch Euer Feedback haben wir einige Dinge an Großväterland bereits angepasst. Zum einen gibt es ja seit einigen Tagen das Paperback für gut €24 Euro (genau: $30).

60deAber auch inhaltlich haben wir Eure Impulse gerne aufgenommen. So wird „Otto“ zum Beispiel eine andere Erzählstruktur aufweisen als „Karl„. Was jedoch nach unserer, und der Auffassung vieler anderer, Großväterland deutlich an Bedeutung gewinnen lassen wird, sind unsere neu konzipierten historischen Hintergründe.

Bei „Karl“ hatten wir diese noch in den Erzählfluss integriert. Das hat nicht nur einige Leser deutlich irritiert, sondern hat uns auch nicht genug Raum für die wichtigen Themen rund um die Erlebnisse unserer Zeitzeugen gegeben. Bei der Episode „Otto“, die wir sehr bald veröffentlichen werden, wird es nun erstmals einen zweiseitigen Anhang geben, der durch Text- und Bildmaterial das im Comic erzählte Geschehen erläutert und in einen historischen Kontext setzt. Eine kleine Vorschau seht ihr oben.

Wir sind gespannt, wie Euch das gefallen wird und freuen uns über Eure Meinung.

Natürlich freuen wir uns auch heute über alle, die Großväterland bestellen. Alle Pakete und Infos findet Ihr in der englischsprachigen Kampagne oder unserer deutschsprachigen Übersichtsseite.

Das erste Panel – Making of – Part 2

Im vorherigen Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie wir uns an das Layout des Comics heranarbeiten und das über das „Visuelle Skripten“ konkretisieren. Was dort ebenfalls zur Sprache kam, war das Thema „Referenzen“.

 

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Die Vorzeichnung – der Pencil – entsteht

Im heutigen Post geht es dann an den Stift. Es entsteht der sogenannte „Pencil“. Wenn sich jetzt irgendwer fragt, ob es denn keine Skizzen oder weitere gezeichnete Entwürfe gibt: Doch, die gibt es gelegentlich. Das sind sogenannten „Thumbnails“, also kleine Zeichnungen, mit denen man verschiedene Kompositionen eines Panels ausprobieren kann. Wie die aussehen können sieht man oben am Beispiel des dritten Panels unserer Pilot-Episode. Da wir im ersten Panel jedoch tatsächlich ein historisches Referenzbild als Vorlage nehmen und dies lediglich durch Elemente und Personen ergänzen, ist das hier nicht nötig.

Deshalb überspringen wir das und kommen direkt zum „Pencil“, der Bleistiftzeichnung. Darauf werden noch folgen: Die getuschte – oder wie wir Comic-Zeichner auch sagen – „geinkte“ Zeichnnug und dann die Kolorierung und das Versehen dieser mit den Texten, das sogenannte „Lettering“. (Und, ja, das sind Anglizismen. Aber eine Kultur, die unter Comics immer noch nur Fix&Foxi und Diddl-Maus versteht, hat das auch nicht besser verdient.)

Die „Blau“-Pause

Ich lege meine Zeichnungen immer zuerst mit einem blauen Farbstift an. Früher der traditionelle col-erase, bin ich mittlerweile auf die Werkzeuge von toonbase umgestiegen. Das Anlegen in blau ist eine traditionelle Arbeitsweise von Comic-Zeichnern, die nicht voll-digital arbeiten. Sie rührt im Wesentlichen aus der Pre-Computer-Ära, in der man sich den Effekt zunutze machte, das ein bestimmter Blau-Ton von Repro-Kameras für die Druckvorlagenherstellung nicht aufgenommen wurde und man sich so umfangreiche Radier-Orgien von Bleistiftstrichen sparen konnte. Heute gilt das genauso, nur dass man das Blau eben statt mit Reprokameras einfach mit Photoshop herausfiltert.

Mein Arbeitsprozess bei umfangreichen Zeichnungen wie die für „Großväterland“ sieht sogar zwei blaue Phasen vor. Zur zweiten komme ich jedoch erst im folgenden Beitrag über das „Inken“.

Im ersten Schritt lege ich tatsächlich nur das Grundgerüst der Zeichnung schematisch an und mache mir den niedrigen Kontrast des blauen Stiftes zu Nutze, auf den ich später den Bleistiftstrich lege. So sieht das dann für unser Panel aus:

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Erst wenn hier alles passt, hole ich meinen Bleistift heraus. Nach vielen Jahren mit „normalen“ Bleistiften und meinem geliebten Faber Castell Dessin 2001 (unfassbar günstig, unglaublich toll im Strich) bin ich vor gut einem Jahr auf einen Druckbleistift umgestiegen. Dazu „überredet“ hat mich die großartige Verarbeitung des rotring 900. Der Vorteil liegt nicht nur in der Hand, sondern auch darauf: Man spart sich das Anspitzen und kann flüssig durcharbeiten. Ein möglicher Nachteil: Der Strich ist durch den fehlenden Abrieb weniger lebendig.

Da ich später aber sowieso noch inke und mir mittlerweile einen Ligne Claire-ähnlichen Stil in der Tradition von Eduardo Risso angewöhnt habe, spielt das keine Rolle. Das ist sogar eher von Vorteil, da so der Pencil bereits nahe im Ink ist. Tatsache: Bei meinem Projekt ONE. und anderen Arbeiten für Kunden kam es bereits mehrfach vor, dass ich den Pencil direkt als Basis für die Farbe genommen habe und das Inken ausfiel.

Was man auf dem Bild übrigens auch sieht: Ich drucke mir vor Anlegen der Blaupause das Raster – in diesem Fall 4 x 4 Panels – des Comics auf das Zeichenpapier – auch in Blau.

Ein guter Pencil steht für sich

Der Pencil ist in jedem Fall der zeitaufwändigste Schritt der Arbeit, da hier alle wesentlichen Details erarbeitet werden müssen. Gelegentlich werden diese zwar auch nur angedeutet und beim Inken konkretisiert. Dennoch muss ein guter Pencil für sich alleine stehen können. Eduardo Risso antwortete mir einmal auf meine Frage, welche Stifte er eigentlich für das Inken nehme, dass das keine Rolle spiele, wenn der Pencil gut genug ist. Recht hat er! (Staedtler Fineliner 0.2 übrigens. Wie ich. Da habe ich mich gefreut!)

Zudem nutzen wir bei „Großväterland“ den Pencil – gelegentlich auch die Blaupause – zur Absprache im Projekt-Team. Das ist gut und wichtig, da hier am einfachsten noch Korrekturen vorgenommen werden können. Radiergummi und so.

Aus diesem Grund bauen wir hier auch bereits die Texte ein, um zu sehen, ob wir genug Raum dafür vorgesehen haben. Ein häufiger Anfängerfehler unter Comic-Zeichnern: Man zeichnet die schönsten Panels und am Ende stellt man fest: Die Sprechblasen haben gar keinen Platz und überdecken wichtige Teile des Bildes. Oft sehen nicht geletterte Comic-Panels deshalb sehr leer aus. Als Beispiel hier einmal die Blaupause eines späteren Panels aus der Pilot-Episode:

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Der fertige Pencil

Soviel erst einmal zum Pencil. Hier das fertige Ergebnis – noch ohne Lettering. Das erklären wir ja erst in Teil 4.

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Es folgen Teil 3 über das Inken und Teil 4 über das Kolorieren.

Das erste Panel – Making of – Part 1

In den folgenden Tagen, bis zum Launch der Kampagne, möchte ich, Markus, Euch gerne an Hand des ersten Panels der Pilot-Episode erläutern, wie das Artwork unserer Graphic Novel entsteht.

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Die Bühne eröffnen

Das erste Panel eines Comics hat meist mehrere wichtige Aufgaben zu erfüllen: Es muss dem Leser des Comics erklären, wo sich die Geschichte sowohl räumlich als auch zeitlich befindet, die Stimmung für die kommenden Bilder setzen und oft werden hier auch handelnde Personen eingeführt. Und wenn man alles reinpacken will, wirft man auch schon einmal als Storyteller den sprichwörtlichen „Knochen“ aus, versucht den Leser neugierig zu machen.

Dabei gilt es natürlich auch alle relevanten Aspekte guten Handwerks hinsichtlich Komposition, Gestaltung und Illustration zu berücksichtigen.

Natürlich sollten diese Aspekte eigentlich auch für alle weiteren Zeichnungen des Comics gelten. Aber vor allem wenn dieser mit einem großformatigen Bild eröffnet – dem sogenannten „Establishing Shot“ – spielen diese eine wesentliche Rolle. Bei weiteren Panels sind es oft nur Schnittmengen.

In diesem und den folgenden drei Teilen dieser kurzen Serie werden wir jedoch alle Aspekte ansprechen. Das liegt unter anderem auch daran, dass wir in Großväterland mit Kurzgeschichten über circa 6 Seiten arbeiten werden. Da gilt es ein wenig „komprimierter“ zu erzählen. Und ein Establishing Shot ist ein guter Weg, auf den Punkt zu kommen.

Aber first things first:

Visuelles Skripten

Schematischer Aufbau der ersten Seite von Großväterland.

Schematischer Aufbau der ersten Seite von Großväterland.

Da ich meist Autor und Illustrator in einem bin, arbeite ich bei meinen Sachen meist intuitiv und habe sowohl visuellen Aufbau als auch die Inhalte im Kopf. Da Großväterland jedoch ein Koop-Projekt ist, dessen Inhalt und Struktur nicht nur mit Alex Kahl, sondern in Zukunft vor allem mit Historikern und Zeitzeugen abgestimmt werden wollen, habe ich mir einen Weg überlegt, wie ich den Seitenaufbau und die Inhalte bereits verdeutlichen kann, ohne einen Strich zeichnen zu müssen. Ich nenne das mal „Visuelles Skripten“, da ich das klassische Comic Script mit dem Panel Layout verbinde. Dazu baue ich in Adobe Indesign innerhalb meines Seitenrasters die Panel Struktur auf, beschreibe die Bildinhalte und füge schon einmal grob Textboxen und Sprechblasen ein. Siehe Abbildung rechts. Auch, damit ich später weiß, an welchen Stelle ich bei den Illus dafür Platz vorsehen muss.

Das sieht dann für das erste Panel von Großväterland so aus:

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Ort (Riesa) und Zeit (Sommer 1941) etablieren wir über Textboxen. Und obwohl das konkrete Datum der Handlung für den Piloten feststeht, wollen wir das hier noch nicht „verraten“. Vielmehr möchten wir zu Beginn der Geschichte klar machen, wie die Stimmung im Sommer 1941 in Deutschland war: Gut.

„Es ging uns gut.“

Alle bisherigen Feldzüge und Eroberungen der Wehrmacht liefen recht reibungslos ab. Im Vergleich zu dem, noch in den Knochen steckenden Blutbädern des erst 23 Jahre zurückliegenden Ersten Weltkriegs, mit relativ gesehen geringen Verlusten. (Wisst ihr noch, wo ihr 1991 wart? Ja, 1918 war für 1941 was 1991 für 2014 ist. Das nur, um die Maßstäbe zu begreifen.) Es gab also guten Grund, sich irgendetwas von unbesiegbar zu fühlen. Zumal, wenn man in dieser Zeit aufwuchs, wie unsere beiden Hitlerjungen Karl – um den es im Piloten gehen wird – und seinen Freund Wolfgang. Und weil die Front sehr weit weg von zu Hause war und die Menschen in Deutschland damals, an diesem Schicksalstag des Zweiten Weltkriegs, nicht wussten, dass von da an vieles „anders“ laufen würde, soll der Leser das auch noch nicht wissen. So wird auch Karl noch sagen: „Es ging uns gut.“

Ohne Referenzen geht es nicht

In der Kurzbeschreibung des Panels tauch auch etwas wesentliches unserer Arbeit auf: Der Hinweis auf ein Referenzbild. Tatsache ist, dass wir natürlich für so ein historisches Projekt neben der inhaltlichen und historischen Recherche auch visuell auf vielfältiges Referenzmaterial angewiesen sind. Dazu greifen wir auf klassische Werkzeuge wie Bücher und Fotografien zurück. Vor allem jedoch das Web ist hier natürlich ein Goldgrube an Bild- und Infomaterial.

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Im Falle unseres Establishing Shots haben wir sogar den Glücksfall, ein großartiges historisches Foto des Bahnhofs Riesa gefunden zu haben, das die Bühne von Großväterland fantastisch eröffnen wird. Deshalb auch der konkrete der Hinweis im Panel.

Dazu jedoch in der kommenden Folge mehr, die wir am Freitag, den 24.10. hier veröffentlichen werden.

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