Panini

Großväterland – ab Herbst 2016 im Buchhandel – jetzt vorbestellen

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Am 21. März 2016 endete die Crowdfunding-Kampagne zur Graphic Novel „Großväterland“ endgültig. Aus gutem Grund. Wenige Tage später waren wir uns mit dem Comic-Verlag Panini über eine Veröffentlichung im Handel einige geworden.

Jetzt vorbestellen: Die Graphic Novel „Großväterland“ kann jetzt vorbestellt werden. Zum Beispiel bei Amazon.

Damit hatten wir ein Ziel erreicht, das wir zwar zu Beginn schon ins Auge gefasst hatten. Aber dass wir letztlich bei Panini landen würden, hat uns dann doch die eine oder andere fette Freudenträne ins Auge gedrückt. Wem das ggf. nichts sagt: Panini ist ebenfalls der Verlag, der so ziemlich alles von DC (Batman, Superman etc.) und Marvel (Ironman, Avengers etc.) in den deutschen Handel bringt.

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Es bleibt uns nichts anders, als tausend Mal Danke zu sagen, an all die wunderbaren Menschen, die uns bis hierher begleitet und unterstützt haben. Allen voran natürlich unseren Zeitzeugen, die uns ihre Zeit und ihr Vertrauen geschenkt haben.

Für Crowdfunder exklusiv im Sommer 2016

Bei Panini wird Großväterland im Herbst 2016 erscheinen. Alle Crowdfunder erhalten ihre jeweils vorbestellte Ausgabe jedoch bereits im Sommer – exklusiv und vorab.

Auch, wenn viele der Inhalte auf dieser Website durch diese Ereignisse und das Ende des Crowdfundings obsolet sind, belassen wir sie erst einmal so. Mindestens aus nostalgischen Gründen. Denn aktuell arbeiten wir mit Hochdruck an der Fertigstellung. Das braucht alle Zeit, die wir haben.

Das vorläufige oder endgültige Cover

Um diesen wichtigen Meilenstein in unserem Projekt mit Euch zu feiern, präsentieren wir ebenfalls heute das vorläufige und vermutlich auch endgültige Covermotiv von Großväterland. Wir freuen uns über Feedback und alles weitere. Hier in den Kommentare, auf Facebook oder per E-Mail.

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Letzte-Chance

Nur noch bis 18.3.2016: Letzte Chance auf Crowdfunding-Pakete und Bonus-Material

English text can be found here.

Das war’s bald: Da wir uns nun im Artwork in der finalen Phase der Kolorierung befinden, schließen wir am kommenden Freitag endgültig und für immer die Crowdfunding-Kampagne.

Das heißt: Danach wird es die dort verfügbaren Pakete in dieser Form nie wieder geben. Selbst, wenn das eigentliche Comic „Großväterland“ demnächst im regulären Handel erscheinen wird – Infos dazu in Kürze.

Exklusive Inhalte nur über Crowdfunding

Wer also noch die exklusive Crowdfunding-Ausgabe inklusive den möglichen Extras haben möchte, muss noch in dieser Woche zugreifen.

Alle Infos – auch zu den Paketen – von Großväterland findest Du in englischer Sprache auf unserer Crowdfunding-Seite bei Indiegogo.

Wir möchten uns schon jetzt noch einmal bei allen bisherigen Unterstützerinnen und Unterstützern bedanken. Auch wenn noch ein Batzen Arbeit vor uns liegt: Die längste Zeit hat es gedauert. Wir freuen uns schon jetzt drauf, wenn ihr Großväterland endlich in den Händen halten dürft.

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Berliner Zeitzeugen Part 1: Ernst im Kampf um den Reichstag 1945

Auf meinen Zeitzeugenreise durch Berlin habe ich einen ganzen Tag mit Ernst (87) verbracht. Ende 1944 wurde er als Flaksoldat in die Wehrmacht eingegliedert, mit erst 16 Jahren.

Ernst ist der letzte, der uns vom Kampf um den Reichstag zwischen dem 28. April und 1. Mai 1945 erzählen kann, der wenige Tage vor dem Ende noch einmal sehr viele Menschenleben gekostet hat. Während die SS den linken Flügel des Reichstags verteidigte, hielt eine zersplitterte Gruppe aus Wehrmacht, Volkssturm und Hitlerjungen den rechten Flügel. Die Russen hatten das Regierungsviertel komplett eingekesselt.

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Als Ernst gemeinsam mit zwei Kameraden einigen Fallschirmjäger, die sich in einem Keller des bereits von den Russen besetzten, 150 Meter entfernten Innenministerium mit Essen und Munition versorgte, kam er genau zum richtigen Zeitpunkt. Ein russischer Panzer (T-34) hatte das Nest entdeckt und zielte auf den Keller. Die Jungs nahmen die Panzerfaust und konnten den Panzer in letzter Sekunde zerstören.

„Ich werde die Schreie der verbrennenden Russen im Panzer nie vergessen. Als der Panzerkommandant die Klappe öffnete und heraustaumelte, schoss ich. Ich hatte keine Wahl.“

Als Hitler sich am 30. April erschossen hatte, war allen das Ende bewusst. Viele deutsche Soldaten betranken sich und wählten den Freitod. Ernst lief, nicht wissend, was zu tun war, in den Berliner Tiergarten, der wie er sagt, menschenleer war.

„Überall um uns rum wurde geschossen, aber in MItten der Stadt, im Tiergarten war kein Mensch. Ich fühlte mich wie im Auge eines Orkans“, sagt  Ernst.

Ein Trugschuss: zwei russische Scharfschützen hatten ihn im Visier. Die Schüsse gingen daneben. Ernst löste seine Handgranate vom Gurt, entsicherte sie und warf sie in den Krater, in dem sich die Russen versteckten.

Was dann passierte, sollte sein ganzes Leben grundlegend ändern. Seine ganze Geschichte erfahrt Ihr bald in Grossväterland.

der von Ernst und seinen Kameraden abgeschossene russische Panzer

der von Ernst und seinen Kameraden abgeschossene russische Panzer

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Ein Jahr Großväterland

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Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass die Idee zu Großväterland aus einem Gespräch mit meiner Mutter, über das Schicksal meines eigenen Großvaters im Zweiten Weltkrieg, entstanden ist. Zuallererst einfach als grobes Konzept veröffentlicht, ist dabei innerhalb eines Jahres mehr als nur ein Projekt geworden. Wir möchten die Gelegenheit nutzen, einen kurzen Abriss darüber zu geben, was genau danach passiert ist und was Euch und uns noch erwartet – auch wenn wir einiges vor kurzem bereits erwähnt haben, hier noch einmal im Überblick:

  • Die ersten Monate, nachdem klar war, dass wir – damals noch Markus, Alex und Christian – die Idee aus den Augenzeugenberichten deutscher Kriegsveteranen und Zeitzeuginnen eine Graphic Novel zu machen, standen ganz im Zeichen des Crowdfundings bei Indiegogo. Das offizielle Ziel – 18.000,00 Dollar – haben wir schließlich kurz vor knapp erreicht. Durch die Möglichkeit, auch nach Kampagnenende noch Beiträge zu leisten, stehen wir jetzt bei knapp ca. 20.000,00 Dollar. Mit Luft nach oben. Wie gesagt, es kann weiter bestellt werden.
  • Bereits während der Kampagne entstanden interessante Kontakte jenseits der geplanten Buch-Veröffentlichung. Das Stadtmuseum einer europäischen Hauptstadt hat Interesse an einer Veranstaltung, mehrere Anfragen für Vorträge haben uns erreicht. Ganz sicher ist, dass es im Herbst 2016 zu Großväterland eine große Ausstellung in der Stadt Minden geben wird. Dazu mehr, wenn es konkrete Informationen gibt. Wir sind uns sicher, dass rund um Ausstellungen und Vorträge noch mehr passieren wird. Schließlich sind wir erst ein Jahr alt und noch gar nicht „raus“.
  • Wir hatten sehr viele Kontakte zu Menschen, die uns von Ihren Erlebnissen berichten wollten. Alle Anfragen haben wir uns ganz genau angeschaut und gut ein dutzend ausgewählt. Gerne hätten wir mit allen gesprochen. Wir mussten aber leider auch ans Budget denken. Christian hat die ausgewählten Frauen und Männer besucht und ist dafür viel gereist. Von Lübeck bis München quer durch die Republik. Die Handlungsorte der Berichte reichen dabei von Danzig und Berlin über Nordafrika und die Normandie bis nach Stalingrad. Unser Wunsch, alle Aspekte des Krieges abzudecken, konnte bereits erfüllt werden. Dennoch sind wir noch immer für Tipps dankbar. Wir können noch weitere Veteranen aus Afrika und von der Ostfront befragen. Konkret suchen wir nach einem Zeitzeugen, der die Schlacht von Monte Cassino in Italien erlebt hat. Da wir in Minden ausstellen, sind für uns auch Zeitzeugen aus dieser Region interessant.
  • Aus privaten Gründen musste Alex Kahl das Projekt leider im Sommer 2015 verlassen. Das tut uns – Christian und Markus – sehr leid. Definitiv wird Alex aber weiterhin als Initiator des Projektes gewürdigt werden – ohne seine damalige spontane Nachricht auf Facebook an Markus, mitzumachen, wäre Großväterland nie über die „Idee“ hinausgekommen. Danke noch einmal für Deinen Einsatz, Alex.
  • Als uns klar war, welche Dimensionen unser Vorhaben hat, sind wir auf die Suche nach einem Partner gegangen, der uns über das Crowdfunding heraus als Herausgeber unterstützen kann. Selbstbewusst haben wir uns dabei nur an die größeren deutschsprachigen Comic-Verlage gewendet. Die Gespräche laufen hier – in einem Fall ziemlich konkret. Wir sind uns aber sehr sicher, dass wir hier bald mehr zu sagen können. Im positiven Sinne.
  • Letztlich ist Großväterland das perfekte Beispiel für ein Projekt, dass es ohne das Internet nie gegeben hätte. Denn erst durch den regen Kontakt mit Euch als Befürworter, Unterstützer und auch Kritiker von Großväterland hat es an vielen Stellen Kontur gefunden, wo es oft unscharf war. Somit kann sich jede und jeder Einzelne, die und der sich eingebracht hat, als Teil des Projektes fühlen. Auch bei der Suche nach unseren Protagonisten haben wir viel Hilfe aus Deutschland und dem Ausland bekommen. Bitte schreibt uns weiterhin, was ihr denkt, wo ihr Potential seht und alle weiteren Tipps und Anmerkungen.

Der größte Gewinn aus Großväterland

Was Großväterland für uns in jedem Fall bedeutet und als erstes Fazit ein großer Gewinn ist: Durch den persönlichen Kontakt mit unseren Augenzeugen und Zeitzeuginnen haben wir einen neuen Blick auf den Krieg und das Dritte Reich bekommen. Uns wurden Geschichten erzählt, von denen wir bislang nichts wussten oder deren Ausmaß uns nicht bewusst war. Nichts davon hat irgendetwas von dem Leid relativiert, dass wir bereits aus dem Schulunterricht oder anderen offiziellen Quellen wussten. Oder im Falle von Christian aus der wissenschaftlichen Arbeit. Gelegentlich begegnete uns im Vorfeld die Angst anderer, Großväterland könnte die gelernte Realität dessen, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist und das wir als Deutsche nicht anders als ein schändliches Erbe ansehen müssen, in eine verzehrte Perspektive rücken.

Doch die oft sehr direkten Schilderungen persönlich erlittenen Leids haben viel mehr eine weitere, schreckliche Dimension zu diesem hinzugefügt. Eine erzählerische Schicht, die aus abstrakten Gesamtbetrachtungen wie z. B. „den Ruhrkessel“ oder „die Schlacht um Stalingrad“ etwas direkt erfahrbares gemacht haben. Eine Erfahrung, für die wir sehr dankbar sind und die wir hoffen, in die Graphic Novel transportieren zu können. Folgt sie doch unserem Grundgedanken, nicht die Geschichte des Krieges, sondern Geschichte aus dem Krieg zu erzählen.
Das für heute als Übersicht, was alles geschehen ist und woran wir neben dem eigentlichen Comic noch arbeiten. Nun gehen wir zurück an den Zeichentisch und freuen uns, Euch bald wieder einen Ausschnitt aus unserer Arbeit zeigen zu können. Soviel sei verraten: Es geht nach Stalingrad.

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„Wenn Du ihm den Finger abschneidest, erschieße ich Dich!“

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Mein Treffen mit Paul

Ich stehe am Bahnhof Königswinter und bin ziemlich aufgeregt. Gleich werde ich den letzten deutschen Zeitzeugen treffen, der die Landung der Alliierten am Omaha Beach live erlebte. Im letzten Jahr, bei den Feierlichkeiten zum 70-jährigen Gedenken an den D-Day hat sich die internationale Presse wochenlang bemüht, einen deutschen Zeitzeugen zu finden. Gefunden und eingeladen haben sie nur: Paul (Jahrgang 1925). Ich habe mir zuvor TV-Bilder von der Erinnerungsfeier im Netz angeschaut:

Bild1Paul sitzt in einer Reihe von einem Dutzend alter Männer aus aller Welt, die am 6. Juni 1944 an den Stränden der Normandie gelandet sind. MG-Schütze Paul ist der Einzige unter ihnen, der damals versucht hat, sie davon abzuhalten. Einst Feinde, liegen sich an diesem Tag alle in den Armen und tauschen Erinnerungen an diesen einen Tag aus, an dem über 12.000 Soldaten ihr Leben verloren.

Paul steht stramm neben den anderen Veteranen. Nacheinander laufen sie an ihm vorbei, die großen Staat- und Regierungsschefs: Barrack Obama, Francoise Hollande, Angela Merkel schütteln ihm die Hand. Putin nickt ihm wohlwollend zu. Paul nimmt es gelassen, tauscht mit jedem ein paar freundliche Worte aus. Nur bei der Queen ist er etwas nervös: „Bonjour Madame“, sagt er.

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Wie werde ich ihn gleich begrüßen? Wie werde ich ihm die Hand geben?

Fatih ist mein Taxifahrer. Er erzählt mir vom Krieg im Iran und seiner Flucht, ich ihm vom Zweiten Weltkrieg. Als er mich bei Paul absetzt, sind wir uns beide darüber einig, wie scheiße Krieg ist.

Es ist still, als ich aussteige. Es ist schön. Ich höre leises Vogelgezwitscher und blicke auf Apfelbäume. Paul hat das Taxi gehört. Er freut sich, erzählt mir, dass Andrew auch gleich kommt. Mit Andrew meint er Andrew Denison, ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Publizist, den ich bereits von Maybrit Illner und Anne Will kenne. Andrew hatte Paul im letzten Jahr in die Normandie begleitet und die Reise organisiert. Die beiden verbindet eine tiefe Freundschaft.

Andrew steigt aus dem Auto. Beide bieten mir gleich das Du an und erzählen schon von der Normandie. Pauls Freundin unterbricht, besteht darauf, dass wir erstmal Pflaumenkuchen essen. Er schmeckt. Ich unterhalte mich mit Andrew über die Flüchtlingskrise und die amerikanische Position. Das habe ich heute nicht erwartet.

Danach ziehe ich mich mit Paul zurück. Wir reden über drei Stunden. Ich tauche tief ein in die grünen Wiesen der Normandie. Die Alliierten sind gelandet. Paul zieht mit seinen Kameraden Richtung Sainte-Mère-Église. Sie wollen die Amerikaner stoppen.

Normandie, Frankreich, 1944

Bild2Paul hatte bereits Glück. Bei den heftigen Bombardements der amerikanischen und britischen Bomber wurde sein MG-Nest in der Nacht nicht getroffen. Die nebenan sind explodiert.

Die jungen Soldaten marschieren hinter einem von einem Muli gezogennen Karren hinterher.Voll beladen mit Munitionskisten. Die Jungs haben Hunger und Durst. Der Nachschub ist nicht mehr gekommen. Zu viele Verluste, die Straßen und Wege hinter ihnen ausgebombt.

Paul erzählt mir von dem Moment, als er „seinen ersten Schwarzen“ gesehen hat. Auf der Suche nach etwas zu essen, entdeckt er den amerikanischen Soldaten auf einem Feld. Er hat eine weiße Socke über sein Gewehr gezogen und wedelt damit. Paul entsichert sein Gewehr, zielt auf den Amerikaner. Der beginnt zu zittern und zu bibbern. Paul kann kein englisch. „Mensch ich tu dir doch nichts“, sagt er und versucht, den Amerikaner zu beruhigen. „Good Water“, sagt dieser und bietet Paul etwas zu trinken aus seiner Wasserflasche an. Paul entwaffnet ihn und lässt ihn gehen.

Wenig später sieht Paul seine erste Leiche. Es ist ein weißer amerikanischer Soldat. Sein Kamerad Schneider beginnt zu plündern. Nachdem er das Lederportemonaie des Toten eingesteckt hat, will er ihm den Finger abschneiden, um an den Siegelring zu kommen. Wieder entsichert Paul sein Gewehr, zielt auf seinen Kameraden: „Wenn Du das machst, erschieße ich Dich.“ Pauls Vater, der im Ersten Weltkrieg kämpfte, hat ihm früh eingetrichtert, Respekt vor dem entwaffneten und gefallenen Feind zu haben.

Schneider bekommt Angst. Wie sich später herausstellen wird, hat Paul ihm mit dieser Aktion wahrscheinlich das Leben gerettet. Die Amerikaner rücken näher. Paul sieht die mächtigen Sherman Tanks. Angst hat er nicht. Die Jungs bauen ihr MG auf und schießen bis ein feindlicher Panzer aufs Feld rollt. Schneider zieht seine Pistole…

Deutsche Kriegsgefangene am Strand der Normandie

Deutsche Kriegsgefangene am Strand der Normandie

Wie es weitergeht und wie Paul jenen umkämpften Strand erlebte, den wir aus „Der Soldat James Ryan“ kennen, lest ihr in der kommenden Episode „Paul“ in Grossväterland.

Christian Hardinghaus

Vielen Dank Andrew Denison für das zur Verfügung stellen der Fotos: © Transatlantic Network

Omaha Beach heute

Omaha Beach heute

Die Brutalität des Krieges

Eine Sache über die wir viel nachgedacht haben ist, wie wir mit der Brutalität des Krieges umgehen sollen. Ist es notwendig, die Verletzungen und den Tot, denen unsere Zeitzeugen und Augenzeuginnen begegnet sind, als solches in jeder Konsequenz und in jedem Detail zu zeigen?

Wir haben für uns entschieden, dass wir das nicht tun wollen. Aus vielerlei Gründen:

  • Niemand soll Großväterland aus Abscheu vor dargestellter Brutalität zur Seite legen. Denn dann hätten wir nichts gewonnen.
  • Wir möchten im Falle einer großflächigen Veröffentlichung über einen Verlag nicht riskieren in irgendeiner dunklen Ecke der Comic-Shops gehandelt zu werden.
  • Mit so einem Ansatz würden wir uns alle Türen zuschlagen, dass Großväterland jemals innerhalb des Schulunterrichts eingesetzt wird.
  • Großväterland soll Geschichten erzählen und kein Splatter-Comic sein.

Als Fan der Arbeiten von Jaques Tardi zum 1. Weltkrieg war vor allem ich als Illustrator versucht ihm zu folgen. Tardi nimmt da kein Blatt vor den Mund. Siehe dazu auch einen Artikel auf nybooks.com.

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aus Tardi, Der Elende Krieg

 

Doch Tardis Stil und seine abstrahierende Darstellung als solches fügt auch eine interessante Ebene zwischen das Geschehen und den Leser und die Leserin. Das nimmt genug Schrecken, ohne ihn auszublenden. Mein Stil hingegen ist deutlich und klarer. Das würde zu direkt werden.

Hier zwei Beispiele dazu. Vor einigen Wochen haben wir die erste Seite der Storyline Rolf veröffentlicht. Die ersten Seiten von Rolf habe ich gezeichnet, bevor wir den oben beschriebenen Beschluss gefasst hatten. Im ersten Panel dieser ergreifenden Geschichten sehen wir einen abgeschossenen britischen Piloten.

Hier die Urfassung wie wir sie veröffentlicht haben:

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Im Prinzip war es dieses Bild und ein Impuls von außen, der uns noch einmal konkret über diesen Aspekt der Brutalität hat nachdenken lassen. Schon nach kurzer Zeit waren wir uns sicher, dass unsere Geschichten etwas anderes vermitteln sollen, als diese visuelle Grausamkeit. Sie sollen von den Irrungen und Umständen berichten, durch die unsere Protagonisten und Zeitzeuginnen gegangen sind. Denn auch das ist Tatsache: In keinem einzigen Gespräch hat irgendjemand von Verstümmelungen und Verletzungen berichtet. Mehr von Leid, Trauer und Verzweiflung. Immer ging es darum, was damals gefühlt und gedacht wurde. Wie man in Schwierigkeiten hineingeriet und wieder herauskam.

Alleine durch das Aufzeigen der totalen Absurdität und Surrealität der Vorkommnisse distanziert sich Großväterland schon so sehr von jeder Verherrlichung des Kriegs, dass es keine visuellen Verstärker braucht.

Also haben wir das erste Panel von Rolf noch einmal überarbeitet. Denn gepaart mit dem drauf folgenden Panel der Jungs auf der Avro Lancaster ist alles erzählt, was wir an dieser Stelle erzählen wollen. Mehr braucht es nicht.

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Ein weiteres Beispiel sehen wir an Hand der folgenden Skizzen, ebenfalls für Rolf. Im ersten wird eine Flak von einem amerikanischen Sherman-Panzer getroffen und die beiden Soldaten zerfetzt – aus dem aufplatzenden Schädel des Soldaten hinter der Flak sieht man sogar ein Auge fliegen.

In der zweiten Zeichnung gerät ein Feldwebel sozusagen in „Friendly Fire“ und inmitten in eine Explosion. Das hat er zwar überlebt, aber ihm wurde dabei nach Erzählung von Rolf ein Bein abgerissen.

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Die erste Zeichnung wird nicht in der Story erscheinen, die zweite schon. Denn im Kontext des Flusses unserer Geschichte und der Panels ist das so gezeigte nicht nur ausreichend, sondern passt perfekt. Wir können hier natürlich nicht zuviel verraten, weil wir sonst mehr zeigen müssten. Aber ein Zerfetzen des Feldwebels würde den Lesefluss in den Abgrund reißen. Und soviel sei verraten: Das würde nicht Rolfs Erzählung und seiner reflektierten Wahrnehmung der damaligen Ereignisse passen. Sein Kommentar auf diesen Moment sagt soviel aus, jede visuelle Übertreibung würde das abschwächen.

Soviel zu diesem Thema. Wenn es weitere Fragen dazu gibt, schreibt einfach an info@grossvaterland.de. In der kommenden Woche erzählt Euch Christian Hardinghaus von seinem Besuch bei einem Veteranen der Landung der alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944.

Habt eine friedliche Woche! Passt auf Euch auf.

Markus Freise

Großväterland – ein Update

Liebe Unterstützer von Großväterland,

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nachdem wir einige Zeit nichts Konkretes von uns haben hören lassen, möchten wir Euch mal wieder ein Update über das Projekt Großväterland geben.

Wir sind auf einem guten Weg und die Idee, die wir im vergangenen Winter präsentiert haben, geht voll auf. Dank Eurer Unterstützung und dem großartigen Presse-Echo waren wir in den vergangenen Monaten in der Lage, ein Dutzend Zeitzeugen für Großväterland zu gewinnen, die uns spannende und faszinierende Geschichten erzählt haben.

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Wir haben Hans-Werner, einen ehemaligen Stuka-Piloten kennengelernt, Wigand, einen der letzten lebenden Stalingrad-Veteranen in München besucht und mit Paul einem D-Day-Überlebenden gesprochen. Das sind nur drei spannende Beispiele von Soldaten. In Großväterland wird auch Ellen, eine Halbjüdin aus Breslau ihre dramatische Flucht erzählen, ebenso wie Martha, die mit sehr viel Glück acht schwerste Bombenangriffe über deutschen Städten überlebte. Kurz um: Die Interviews sind geführt und ausgewertet, die zeichnerische Realisierung nun voll im Gange.

Einige Einblicke gibt es immer wieder auf unsere Facebook-Seite.

Weiterhin werden wir diesen Blog nun regelmäßiger mit Informationen versehen.

Insgesamt werden wir mehr Geschichten in Grossväterland unterbringen, als zunächst geplant. Unser Mitinitiator Alex Kahl ist aus privaten Gründen leider schon sehr früh aus dem Projekt ausgeschieden, sodass Christian und Markus die Aufgaben rund um die Zeitzeugen-Interviews alleine stemmen mussten – wichtige Zeit, die fürs Artwork fehlte.

Zudem stehen wir in konkreten Verhandlungen mit einem renommierten Verlag über die Veröffentlichung von Großväterland jenseits des eigentlichen Crowdfundings hinaus. Hier haben wir gute Chancen, einen Volltreffer zu landen. Genauere Infos darüber können und dürfen wir allerdings noch nicht verraten. Außerdem haben wir eine Fotografin beauftragt, unsere Zeitzeugen professionell in Szene zu setzen.

All diese Entwicklungen bedeuten aber auch, dass wir von unserem ursprünglichen Zeitplan abweichen werden. Nachdem wir die Interview-Phase jetzt abschließen werden, sind wir uns sicher, dass unser ursprüngliches Vorhaben, Großväterland im Herbst 2015 fertig zu haben, irgendwo zwischen optimistisch bis naiv war. Ein Thema mit solcher Bandbreite benötigt etwas mehr Zeit und Fingerspitzengefühl. Wir wollen die Graphic Novel mit der Verantwortung umsetzen, die unsere Zeitzeugen und ihre Erlebnisse verdient haben.

Weiterhin wird es nächstes Jahr mindestens eine große Ausstellung zu Großväterland geben. Weitere sind in Planung.

Wie Ihr seht, lebt das Projekt. Mittlerweile gehen wir davon aus, dass die Graphic Novel, die es nur dank Eurer großzügigen Unterstützung überhaupt gibt, erst der Anfang von allem ist.

Wir hoffen, dass diese Infos einige Fragen beantworten und dass Ihr unser gemeinsames Projekt weiterhin mit viel Spannung und Vorfreude verfolgt – denn das können wir ganz bestimmt versprechen: Eure Geduld wird sich am Ende voll auszahlen.

Wenn Ihr darüber hinaus noch Fragen, Anregungen oder Kommentare habt, schreibt einfach an info@grossvaeterland.de. Wir versuchen alle Anfragen so schnell und so detailliert wie möglich zu beantworten.

Gruß aus Bielefeld
Markus Freise und Christian Hardinghaus